Handlungsbezugsrahmen (englisch action frame of reference) bezeichnet in der soziologischen Theorie Talcott Parsons’ den analytischen Bezugsrahmen, mit dem soziale Handlung als zielgerichtetes Handeln eines Akteurs in einer Situation untersucht wird.[1][2] Der Begriff ist vor allem mit Parsons’ früher voluntaristischer Handlungstheorie verbunden und bildet einen Ausgangspunkt seiner späteren Theorie sozialer Systeme.[3][4] In deutschsprachigen Darstellungen wird action frame of reference als „Handlungsbezugsrahmen“ wiedergegeben.[2]
Begriff und Entstehung
BearbeitenParsons entwickelte den Handlungsbezugsrahmen in The Structure of Social Action, das 1937 erschien und eine systematische Auseinandersetzung mit Alfred Marshall, Vilfredo Pareto, Émile Durkheim und Max Weber enthält.[1] Sein Ziel war nicht lediglich eine ideengeschichtliche Darstellung dieser Autoren, sondern die Rekonstruktion eines allgemeinen begrifflichen Rahmens, mit dem Handlung theoretisch analysiert werden kann.[1][3] Der Handlungsbezugsrahmen sollte dabei zwischen utilitaristischen, positivistischen und idealistischen Verkürzungen vermitteln, indem er Handlung zugleich als zweckorientiert, situativ begrenzt und normativ orientiert beschreibt.[1][5] Die Bezeichnung „Bezugsrahmen“ verweist darauf, dass Parsons zunächst ein analytisches Vokabular für Handlung bereitstellt und nicht bereits eine empirisch abgeschlossene Theorie einzelner sozialer Phänomene formuliert.[3][4]
Elemente des Handlungsbezugsrahmens
BearbeitenDie kleinste analytische Einheit des Handlungsbezugsrahmens ist bei Parsons der sogenannte unit act.[1] Ein solcher Akt setzt einen Akteur, ein Ziel, eine Situation sowie eine Beziehung zwischen diesen Elementen voraus.[1] Die Situation wird von Parsons in Bedingungen, die der Akteur nicht kontrollieren kann, und Mittel, über die der Akteur im Hinblick auf sein Ziel verfügen kann, unterteilt.[1] Handlung ist in diesem Rahmen nicht bloß ein kausaler Ablauf, sondern ein Prozess, in dem Mittel und Ziele unter Bedingungen möglicher Wahl aufeinander bezogen werden.[1][6] Zentral ist außerdem die normative Orientierung, weil Mittel nach Parsons weder zufällig noch ausschließlich durch äußere Bedingungen bestimmt ausgewählt werden.[1][6] Der Begriff der Normativität meint in diesem Zusammenhang nicht nur moralische Verpflichtung, sondern allgemein die Orientierung an als gültig, wünschenswert oder angemessen verstandenen Maßstäben des Handelns.[1][6]
Voluntaristische Handlungstheorie
BearbeitenParsons’ frühe Handlungstheorie wird häufig als voluntaristisch bezeichnet, weil sie Handeln weder auf Nutzenkalkül noch auf äußere Determination reduziert.[1][5] Der Akteur erscheint im Handlungsbezugsrahmen als wählendes Subjekt, dessen Wahlmöglichkeiten jedoch durch Bedingungen, Mittel, Wissensbestände und normative Orientierungen strukturiert sind.[1][6] Damit versucht Parsons, die Spannung zwischen individueller Zweckverfolgung und sozialer Ordnung begrifflich zu fassen.[5] Diese Vermittlung erklärt, weshalb der Handlungsbezugsrahmen in der Parsons-Rezeption oft als Versuch einer theoretischen Synthese klassischer soziologischer Problemstellungen verstanden wird.[5][7]
Weiterentwicklung
BearbeitenIn Toward a General Theory of Action wurde der Handlungsbezugsrahmen von Parsons, Edward Shils und weiteren Autoren zu einer allgemeinen Handlungstheorie ausgebaut.[8] Der Band unterscheidet Handlungssysteme und arbeitet die Beziehungen zwischen Persönlichkeit, Kultur und sozialem System stärker aus.[8] In The Social System übertrug Parsons den Handlungsbezugsrahmen auf die Analyse sozialer Systeme.[4] Das soziale System erscheint dort als ein Zusammenhang von Interaktionen, Rollen und normativen Erwartungen, der weiterhin in Begriffen des Handlungsbezugsrahmens analysiert wird.[4] Die spätere Systemtheorie Parsons’ kann daher nicht einfach als Bruch mit der frühen Handlungstheorie verstanden werden, sondern baut in wesentlichen Hinsichten auf deren analytischen Kategorien auf.[9][4]
Rezeption und Deutung
BearbeitenRichard Münch interpretiert Parsons’ Handlungstheorie als Theorie mit einem kantischen Kern, weil sie die Bedingungen der Möglichkeit sinnvoller Handlung in einer begrifflichen Architektur rekonstruiert.[7] In einem zweiten Aufsatz betont Münch die Kontinuität zwischen Parsons’ früher Handlungstheorie und seiner späteren Systemtheorie.[9] Jeffrey C. Alexander liest Parsons als Versuch, klassische Gegensätze der soziologischen Theorie, insbesondere zwischen voluntaristischem Handeln und sozialer Ordnung, auf einer mehrdimensionalen theoretischen Grundlage zu rekonstruieren.[5] Stephen P. Savage hebt hervor, dass der Handlungsbezugsrahmen trotz späterer Transformationen zentrale Grundbegriffe enthält, die Parsons’ Theorieentwicklung durchziehen.[3]
Kritik
BearbeitenEin wichtiger Kritikpunkt betrifft Parsons’ Interpretation Max Webers.[10] Jere Cohen, Lawrence E. Hazelrigg und Whitney Pope argumentieren, Parsons habe Webers Soziologie zu stark auf normative Ordnung hin gelesen und dadurch andere Dimensionen von Webers Handlungstheorie abgeschwächt.[10] Eine weitere Debatte betrifft die Frage, ob Parsons’ Betonung normativer Orientierung Handlungsspielräume angemessen erfasst oder soziale Reproduktion zu stark in den Vordergrund rückt.[6] John Holmwood verteidigt Parsons teilweise gegen vereinfachende Kritiken, indem er zeigt, dass normative Orientierung bei Parsons nicht mit vollständiger Determination durch soziale Normen gleichgesetzt werden sollte.[6] Der Handlungsbezugsrahmen ist deshalb ein umstrittener, aber theoriegeschichtlich bedeutender Versuch, Handlung, Norm, Situation und soziale Ordnung in einem gemeinsamen analytischen Schema zu verbinden.[6][5]
Literatur
Bearbeiten- Alexander, Jeffrey C. (1983): Theoretical Logic in Sociology, Volume 4: The Modern Reconstruction of Classical Thought: Talcott Parsons. Berkeley: University of California Press.
- Bonß, Wolfgang; Dimbath, Oliver; Maurer, Andrea; Nieder, Ludwig; Pelizäus-Hoffmeister, Helga; Schmid, Michael (2013): Handlungstheorie: Eine Einführung. Bielefeld: transcript Verlag.
- Cohen, Jere; Hazelrigg, Lawrence E.; Pope, Whitney (1975): De-Parsonizing Weber: A critique of Parsons’ interpretation of Weber’s sociology. In: American Sociological Review, 40(2), S. 229–241.
- Holmwood, John M. (1983): Action, system and norm in the action frame of reference: Talcott Parsons and his critics. In: The Sociological Review, 31(2), S. 310–336.
- Münch, Richard (1981): Talcott Parsons and the theory of action. I. The structure of the Kantian core. In: American Journal of Sociology, 86(4), S. 709–739.
- Münch, Richard (1982): Talcott Parsons and the theory of action. II. The continuity of the development. In: American Journal of Sociology, 87(4), S. 771–826.
- Parsons, Talcott (1937): The Structure of Social Action: A Study in Social Theory with Special Reference to a Group of Recent European Writers. New York: McGraw-Hill.
- Parsons, Talcott (1951): The Social System. Glencoe: Free Press.
- Parsons, Talcott; Shils, Edward A. (Hrsg.) (1951): Toward a General Theory of Action: Theoretical Foundations for the Social Sciences. Cambridge, MA: Harvard University Press.
- Savage, Stephen P. (1981): The structure of action: Parsons’ formulation of the action frame of reference. In: The Theories of Talcott Parsons. London: Palgrave Macmillan, S. 91–127.
Einzelnachweise
Bearbeiten- ↑ a b c d e f g h i j k l Talcott Parsons: The Structure of Social Action: A Study in Social Theory with Special Reference to a Group of Recent European Writers. McGraw-Hill Book Company, Incorporated, 1937 (google.de [abgerufen am 27. Mai 2026]).
- ↑ a b transcript: Handlungstheorie. Abgerufen am 27. Mai 2026.
- ↑ a b c d Stephen P. Savage: The Structure of Action: Parsons’ Formulation of the Action Frame of Reference. In: The Theories of Talcott Parsons: The Social Relations of Action. Palgrave Macmillan UK, London 1981, ISBN 978-1-349-06969-9, S. 91–127, doi:10.1007/978-1-349-06969-9_3.
- ↑ a b c d e Talcott Parsons: The Social System. 0. Auflage. Routledge, 2013, ISBN 978-1-134-92775-3, doi:10.4324/9780203992951 (taylorfrancis.com [abgerufen am 27. Mai 2026]).
- ↑ a b c d e f Jeffrey Alexander: Modern Reconstruction of Classical Thought (Theoretical Logic in Sociology): Talcott Parsons. 0. Auflage. Routledge, 2014, ISBN 978-1-315-81578-7, doi:10.4324/9781315815787 (taylorfrancis.com [abgerufen am 27. Mai 2026]).
- ↑ a b c d e f g Sage Journals: Discover world-class research. Abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).
- ↑ a b Richard Munch: Talcott Parsons and the Theory of Action. I. The Structure of the Kantian Core. In: American Journal of Sociology. Band 86, Nr. 4, Januar 1981, S. 709–739, doi:10.1086/227314 (uchicago.edu [abgerufen am 27. Mai 2026]).
- ↑ a b Talcott Parsons, Edward A. Shils: Toward a General Theory of Action: Theoretical Foundations for the Social Sciences. 1. Auflage. Routledge, 2017, ISBN 978-1-351-30152-7, doi:10.4324/9781351301527 (taylorfrancis.com [abgerufen am 27. Mai 2026]).
- ↑ a b University of Chicago Press Journals: Cookie absent. Abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).
- ↑ a b Jere Cohen, Lawrence E. Hazelrigg, Whitney Pope: De-Parsonizing Weber: A Critique of Parsons' Interpretation of Weber's Sociology. In: American Sociological Review. Band 40, Nr. 2, 1975, ISSN 0003-1224, S. 229–241, doi:10.2307/2094347.