John Warren Senders (* 26. Februar 1920 in Cambridge (Massachusetts); † 12. Februar 2019 in Columbia Falls) war ein US-amerikanischer Psychologe und zuletzt emeritierter Professor an der University of Toronto.[1]

Leben

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Er wurde 1920 als jüngstes von fünf Kindern russischer Einwanderer in Cambridge (Massachusetts) geboren. 1936 wurde er als Student am Antioch College in Yellow Springs aufgenommen. Ein Jahr später wurde er wieder nach Hause geschickt, weil er sich weigerte, einen obligatorischen Mathematik-Kurs im ersten Studienjahr zu belegen; seiner Meinung nach konnte er bereits alles, seit er sieben Jahre alt war und er wollte sich nicht dazu zwingen lassen, das alles noch einmal zu machen. Danach arbeitete er ein Jahr lang in einem Sägewerk, bevor er sich dem Schiffbau zuwandte, in der Herstellung von Flugzeuggeneratoren tätig war und eine Zeit lang als Produktionsleiter in einem Unternehmen in Boston arbeitete. In den 1940er-Jahren nahm er sein Studium wieder auf und erwarb einen Artium Baccalaureus in Psychologie an der Harvard University. Er promovierte (Ph.D.) 1983 in quantitativer Psychologie an der Universität Tilburg mit einer Dissertation über Visual sampling processes.

1959 war er Dozent am Institut für Maschinenbau der University of Minnesota. Von 1965 bis 1972 war er Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Psychologie an der Brandeis University. 1973 nahm er eine Gastprofessur am Institut für Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen der University of Toronto an. 1974 wurde er (ohne vorerst promoviert zu sein) fest angestellt. Im sicheren Wissen um seine zukünftigen Einnahmen aus Beratungstätigkeiten und Auftragsforschung verzichtete er freiwillig auf die Hälfte seines Gehalts, damit Neville Moray ebenfalls an der Universität eingestellt werden konnte. Er lehrte in Toronto bis zu seiner Emeritierung 1985.

Als einer der ersten Wissenschaftler, der mathematische Modelle auf menschliches Verhalten in realen Kontexten anwandte, arbeitete er in der akademischen Welt, in der Industrie und in verschiedenen militärischen Forschungslaboren. Dazu gehörten unter anderem seine Tätigkeiten bei Honeywell, der Wright-Patterson Air Force Base und bei Bolt, Beranek und Newman. Zuletzt war er als privater Berater, Dozent und forensischer Sachverständiger tätig, wobei er sich auf menschliches Verhalten bei Unfällen und anderen Zwischenfällen konzentrierte. Er blieb bis zu seinem Lebensende ein bedeutender Sachverständiger in Fällen von menschlichem Versagen in der Medizin und Professor für Sicherheitswissenschaften an der Medizinischen Fakultät der University of Miami und als James March Professor-at-Large an der University of Vermont.

Werk

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Er wird als Pionier der Human Factor-Bewegung, als Pionier der Ergonomie und als Pionier der angewandten experimentellen Psychologie bezeichnet.[2] Seine Spezialität war es, mathematische Modelle auf menschliches Verhalten in realen Kontexten anzuwenden. Inhaltlich beschäftigte er sich mit Bereichen wie mentaler Belastung, Aufmerksamkeit und visuelles Scannen, Augenbewegungen als Indikator für Aufmerksamkeitsverteilung, Warteschlangentheorie, Kontrolltheorie, Regelungstechnik und Modellierung menschlicher Fehler.

Er war der Erste, der 1955 die mathematische Beziehung zwischen der Bandbreite eines Signals und der Frequenz der visuellen Aufmerksamkeit auf dieses Signal postulierte. Er zeigte, dass sich die Aufmerksamkeitsanforderungen erfahrener menschlicher Bediener komplexer Systeme mithilfe der Informationstheorie und der Warteschlangentheorie bemerkenswert genau modellieren lassen. Um diesen Zusammenhang zu demonstrieren, trug er bei einem Experiment einen Helm, der seine Sicht einschränkte, während er durch die belebten Straßen von Cambridge fuhr. Mithilfe eines Fußschalters zum Hochklappen des Visiers konnte er gelegentlich einen Blick auf die Straße erhaschen und so die Frequenz messen, mit der er hinschauen musste. Diese Arbeit zur Fahrsicherheit führte zum Paradigma der eingeschränkten Sicht (visual occlusion paradigm), das heute internationaler Standard und für die Gestaltung von Instrumententafeln in Flugzeugcockpits, Kernkraftwerken und Automobilen unerlässlich ist.

1976 gehörte er zu den ersten Wissenschaftlern, die die Idee einer elektronischen Zeitschrift entwickelten, deren gesamter Redaktionsprozess online stattfinden sollte.

Er gilt als einer der Begründer der Erforschung menschlichen Versagens; dies machte ihn zu einer Schlüsselfigur im Bereich der Patientensicherheit. Dazu organisierte er zusammen mit seiner Frau Ann Chrichton-Harris 1980 in Columbia Falls die erste „Clambake-Konferenz“ als ein Treffen von Forschern, die sich mit menschlichem Versagen befassten. 1983 fand im Bellagio Center der Rockefeller Foundation eine weitere multidisziplinäre Konferenz zum Thema menschliches Versagen statt, die von der NATO und der Rockefeller Foundation finanziert wurde. 1994 führte er über das Institute for Safe Medication Practices (ISMP)[3] die Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse (FMEA) in die Arzneimittelsicherheit ein, durch die mögliche Fehlerquellen bei der Entwicklung, Herstellung oder Montage von Medizinprodukten und -dienstleistungen identifiziert werden können.

Ehrungen/Positionen

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  • 2011: Ig-Nobelpreis für seine Forschung, bei der er zeitweise mit verbundenen Augen Auto fuhr
  • 2010: Symposium der Human Factors Interest Group an der Universität Toronto zu Ehren von Senders über angewandte Human Factors-Forschung
  • 2008: Pioneer Award der Knowledge Media Design Institute’s für seinen herausragenden Beitrag auf dem Gebiet des elektronischen Publizierens
  • 2001: Auszeichnung für herausragende Leistungen bei der Prävention von Medikationsfehlern und als Mitbegründer des Institute for Safe Medication Practices (ISMP) in Toronto
  • Ehrenmitglied des Institute of Economics and Environmental Engineering (IEEE)
  • 1973: Fellow der American Association for the Advancement of Science

Privates

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In erster Ehe war er seit 1948 mit Virginia („Ginny“) Loftus (1922–2012) verheiratet, die damals ebenfalls Psychologie in Harvard studierte.[4] In zweiter Ehe war er mit Ann Crichton-Harris verheiratet[5]. Aus deren erster Ehe mit Stanley Sellen stammten die Kinder Daniel, Abigail und Adam; aus seiner Ehe mit Virginia Loftus brachte er noch die Söhne Warren und Stefan mit. Er wird als er ein begnadeter Koch, ein herzlicher Gastgeber und ein guter Erzähler, der sein Publikum mit humorvollen Anekdoten und Geschichten aus seinem Berufsleben und von seinen Reisen und auch mit einem unerschöpflichen Strom neuer Erkenntnisse und Ideen unterhielt, geschildert. Er starb zwei Wochen vor seinem 99. Geburtstag.

Publikationen (Auswahl)

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Monografien
  • Mit Richard A. Monty: Eye movements and psychological processes. Routledge, Milton Park 2017, ISBN 978-1315438054.
  • Mit Neville Moray: Human Error. Cause, Prediction, and Reduction. CRC Press, Boca Raton 1991, ISBN 978-1003070375.
  • Visual sampling processes. Tilburg University, Doctoral Thesis 1983, Drukkerij Neo-Print, Soest (Niederlande) 1983.
  • Survey of human dynamics data and a sample application (WADC technical report). U.S. Dept. of Commerce, Washington, DC. 1959.
Herausgeberschaften
  • Mit Dennis F. Fisher; Richard A. Monty: Eye movements: Cognition and visual perception. Routledge, Milton Park, 2017.
  • Mit Dennis F. Fisher; Richard A. Monty: Eye Movements and the Higher Psychological Functions. Routledge, London 1978, ISBN 978-1315414577.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Medical devices, medical errors, and medical accidents. In: Marilyn Sue Bogner (Hrsg.): Human error in medicine (S. 159–177). CRC Press, Boca Raton 2018, ISBN 978-0203751725.
  • Mit Peter A. Hancock; Mustapha Mouloua: On the philosophical foundations of driving distraction and the distracted driver. In: M. A. Regan; J. D. Lee; Young, K.L. (Hrsg.): Driver Distraction: Theory, Effects and Mitigation (S. 11–30). CRC Press, Boca Raton, FL. 2008.
  • Mit Bruce L. Lambert; Laura Walsh Dickey; William M. Fisher; Robert D. Gibbons; Swu-Jane Lin; Paul A. Luce; Conor T McLennan; Clement T Yu: Listen carefully: the risk of error in spoken medication orders. In: Social science & medicine, 2010, 70 (10), S. 1599–1608.
  • Mit Amanda G. Kennedy; Benjamin Littenberg: Using nurses and office staff to report prescribing errors in primary care. In: International Journal for Quality in Health Care, 2008, 20 (4), S. 238–245.
  • Mit Jaime R. Carbonell; Jane L. Ward: A queueing model of visual sampling experimental validation. In: IEEE transactions on man-machine systems, 2007, 9 (3), S. 82–87.
  • The human operator as a monitor and controller of multidegree of freedom systems. In: IEEE Transactions on Human Factors in Electronics, 2006, 1, S. 2–5.
  • FMEA and RCA: the mantras; of modern risk management. In: BMJ Quality & Safety, 2004, 13 (4), S. 249–250.
  • Distribution of visual attention in static and dynamic displays. In: Human Vision and Electronic Imaging II, 1997, 3016, S. 186–194.
  • Mit S. J. Senders: Failure mode and effects analysis in medicine. In: Medication Errors. American Pharmaceutical Association, Washington, DC 1999.
  • Mit Michael R. Cohen; Neil M. Davis: Failure mode and effects analysis: a novel approach to avoiding dangerous medication errors and accidents. In: Hospital pharmacy, 1994, 29 (4), S. 319–330.
  • The scientific journal of the future. In: The American Sociologist, 1976, S. 160–164.
  • Mit E. F. Loftus; S. Turkletaub: The retrieval of phonetically similar and dissimilar category members. In: American Journal of Psychology, 1974, 87, S. 57–63.
  • The estimation of operator workload in complex systems. In: Systems psychology, 1970, S. 207–216.
  • Mit Alfred B. Kristofferson; William H. Levison; Charles W. Dietrich; J. L. Ward: The attentional demand of automobile driving. In: Highway research record, 1967, 195 (2), S. 15–33.
  • Mit J. I. Elkind; M. C. Grignetti; R. Smallwood: An investigation of the visual sampling behaviour of human observers. In: NASA-CR-434, 1966.
  • The coffee cup illusion. In: American Journal of Psychology, 1966, 79, S. 143–145
  • A re-analysis of the pilot eye-movement data. In: IEEE transactions on human factors in electronics, 1966, 2, S. 103–106.
  • The human operator as a monitor and controller of multidegree of freedom systems. In: IEEE Transactions on Human Factors in Electronics, 1964, (1), 2–5.
  • Information storage requirements for the contents of the world’s libraries. In: Science, 1963, 141(3585), S. 1067–1068
  • Man’s capacity to use information from complex displays. In: H. Quastler (Hrsg.): Information theory in psychology. Free Press, Glencoe, Il. 1955.
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Einzelnachweise

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  1. Remembering John W. Senders, Pioneer of Human-Factors Engineering. His melding of disciplines opened the door for his influential contributions, abgerufen am 8. Oktober 2025.
  2. Peter A. Hancock; Gabriella M. Hancoc; W. Sender; Abigail J. Sellen: John Senders (1920–2019). In: The American Journal of Psychology, 2019, 132 (3), S. 361–367.
  3. Institute for Safe Medication Practices, abgerufen am 24. Januar 2026.
  4. VIRGINIA R. LOFTUS BECOMES ENGAGED; Mount Holyoke Alumna Will Be Wed in July to John W. Senders, Harvard Student auf New York Times vom 4. März 1945, abgerufen am 24. Januar 2026.
  5. Ann Crichton-Harris Obituary auf Legacy.com, abgerufen am 22. Januar 2026.

📚 Artikel Terkait di Wikipedia

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Frederick Stanton Hillier in Operations Research promoviert wurde (Queueing Models for Assembly-Like Systems). Danach war er Assistant Professor, 1973

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Frömmgen, H. Koeppl: Optimizing stochastic scheduling in fork-join queueing models: Bounds and applications. In: IEEE INFOCOM 2017 - IEEE Conference on

Ruth J. Williams

control model, Proceedings of the 43rd IEEE Conference on Decision and Control, Dezember 2004, S. 3938– 3943 Brownian models of multiclass queueing networks

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century — and the next. In: Queueing Systems. Band 63, Nr. 3–4, 2009, doi:10.1007/s11134-009-9147-4.  John Haigh: Probability Models. Springer, 2002, ISBN 1-85233-431-2

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